Ich bin nicht gegen Fortschritt, aber gegen Fortschritt um jeden Preis.

Der geplante Bahnhof ist nicht erweiterbar und wurde infrastrukturell so entwickelt, dass er weitesgehend an der Auslastungsgrenze fährt. Bleibt ein ICE im Tunnel stecken wie vor 1 Woche in Vahingen Enz gerät alles durcheinander, mit weitreichenden Folgen. Da muss natürlich bezweifelt werden, ob (von anderen Ländern) weitere Hochgeschwindigkeits-Anbindungen nach Stuttgart geplant werden. Eigentlich ist Stuttgart schon jetzt überdurchschnittlich gut an die Hochgeschwindigkeitstrassen angebunden (es wird leider oft so dargestellt, als würde kein ICE oder TGV nach Stuttgart fahren, wer sich mal ein paar Minuten am Bahnhof aufhält wird schnell eines Besseren belehrt).

Bedenklich ist zudem immer noch das Anhydrit, ein Mineral, das bei Berührung mit Wasser um bis zu 50% aufquillt. Das erinnert an Staufen im Breisgau wo auch schon einiges schief ging (Stichwort Geotermische Bohrungen). Aktuelles Beispiel ist der A81 Tunnel Leonberg. Dort wird wegen dem aufgequollenem Anhydrit mind. alle 3 Jahre eine Wartung nötig. Dort wird jetzt die Fahrbahn aufgeschnitten um Druck-Entlastungen für die Fahrbahnoberfläche zu schaffen… (und nein ich zweifle nicht den Sinn dieses Tunnels an)

Ich werde nicht abstreiten, dass am Bahnhof Änderungen fällig waren und sind (z.B. Verlegung der Gütergleise nach Untertürkheim – das kommt mit S21 ja frühestens in 20 Jahren, wenn überhaupt – aber das wäre sinnvoll, dann wäre die große Gleis-Vorfläche tatsächlich größtenteils frei). Man wird auch städtebaulich einiges machen müssen, um die City umzugestalten. Die Bäume sind ein Aspekt, aber meiner Meinung nach nicht DAS Totschlagargument. Hier werden in 50 Jahren wieder kräftige Bäume stehen, in Stuttgart und Umgebung hat es zum Glück noch einige grüne Rückzugsmöglichkeiten. Auch wenn es traurig und schade um die großen Bäume ist, manchmal muss man mit etwas mehr Weitblick an solche Vorhaben gehen.

Der Sinn und Zweck eines Bahnhofs wird hier aber leider ad absurdum geführt. Von einer infrastrukturellen Drehscheibe ist nicht mehr zu sprechen, vielmehr von einer städtebaulichen Maßnahme mit Nachteilen in Zuverlässigkeit und Sicherheit im Bahnverkehr (2-3 Minuten Umsteigzeit für ICE, keine Puffer für Fahrpläne, Ausnahmegenehmigungen für Tunnel – wenn Richtung Flughafen ein ICE stecken bleibt wills wieder keiner gewesen sein, der gesagt hat: Fluchtwege brauch keiner). Man muss modern denken, aber auch realistisch. Wenn all die angekündigten Investoren kommen wird der Bahnhof S21 mit seiner an der Leistungsgrenze geplanten Kapazität schlicht nicht mehr ausreichen. Andererseits vielleicht sogar ein abschreckendes Argument, aufgrunddessen Investoren sich gleich fern halten.

Dass die Stadt kein Geld für Schulen hat (wir reden hier von grundsätzlichen sanitären Maßnahmen die dringend notwendig sind oder Instandhaltung allgemein), aber Millionen für Bahnhof und ironischerweise für die Grundstücke vor dem Bahnhof hat (die sie von der Bahn für 459 Millionen Euro kauft – mit der Hoffnung dort Wohnungen und gewerbliche Einheiten vermieten zu können) sei nur eine Randnotiz.

Es spiegelt schon die Gesellschaft unserer Zeit wieder. Wegwerfmentalität (Strecke Ulm-Stuttgart – die müsste nur mal modernisiert werden, wesentlich billiger und es können im Gegensatz zur geplanten Strecke auch Güterzüge fahren), Protz auf Pump (weder Bahn noch Stadt noch Bund haben eigentlich das Geld), Vetterleswirtschaft (wenns wenigstens Sinn machen würd) und Ignoranz (gegenüber der Bevölkerung – lieber noch ne halbe Million für ne Image-Kampagne ausgeben als mit den Leuten überhaupt mal zu reden).

Armes Deutschland…

Weitere Informationsquellen
SWR Filmbeitrag mit guter Zusammenfassung (ca. 30 Min)
- http://www.swr.de/nachrichten/…/i6r1l5/index.html
SMA-Gutachten zur Leistungsfähigkeit
- http://www.kopfbahnhof-21.de/index.php?id=534
Umweltbundesamt Gutachten zum Tiefbahnhof
- http://www.swr.de/nachrichten/…/1snkx0o/index.html
Bundesrechnungshof zu den Kosten
- http://www.taz.de/1/zukunft/…/stuttgart-21-doppelt-so-teuer/
Frei Otto zum Anhydrit (Architekt, an S21 beteiligt)
- http://www.tagesspiegel.de/…/bahn-soll-…-notbremse-ziehen/1911282.html

Nix gfunde - deswäggä Zufall:

29.08.2010 11:21:06 von Erdbeer-Robby
Kategorie: Mischen
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